„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den
Schlaf gebracht.“ Diese Zeilen aus dem Gedicht von Heinrich Heine musste ich als
Schülerin interpretieren.
Jetzt liege ich häufig abends im Bett und kann mein Gedankenkarusell
rund um Corona nicht stoppen. Jeder Gedanke führt zu einem Neuen und obwohl ich
rechtschaffend müde bin, kann ich nicht einschlafen und denke über
Lösungsstrategien bis weit nach Mitternacht nach. Irgendwann falle ich dann in
einen alptraumgeplagten Schlaf und bin nach ein paar Stunden wieder wach. Ein
neuer Tag beginnt und was bringt er im Moment? Immer wieder neue Corona-
Hiobsbotschaften!
Meine Gefühle fahren Achterbahn. Es gibt keine neue
Länderkonferenz, dafür feilt die Bundesregierung an einem neuen Infektionsschutzgesetz,
was eine Vereinheitlichung der Maßnahmen im ganzen Land möglich machen soll.
Soweit mir bekannt ist, hat keine Kommune die Maßnahmen verschärft, als die
7-Tage- Inzidenz über 100 Neuinfektionen lag. Jeder machte was er wollte und
obwohl Sachsen die strengsten Bestimmungen hat, steigen die Zahlen weit und
breit. Leipzig lag lange unter der 100, doch seit einer Woche steigen die
Zahlen drastisch an. Letztes Wochenende über 340 Neuinfektionen. Ein Alptraum!
Nun wird die alte Coronaschutz- Verordnung bis zum 9. Mai !!!
verlängert.
Ich bin traurig, genervt und ungeduldig. Was soll ich tun?
Rom ruft mich in Gedanken und in meinen Tagträumen.
Meine Zulassung ist auch noch nicht abgeschlossen (Ich möchte in Leipzig wieder als Tagesmutter arbeiten.) und auf
den August verschoben. Doch wenn ich später starte, werde ich das nicht
schaffen. Wie immer in solchen Situationen spült mir mein Unterbewusstsein eine
Melodie ins Gehirn, aus dem sich nur der Satzfetzen „verpasste Chancen“ herauskristallisiert.
Es ist eine Frauenstimme, aber ich komme weder auf den Namen noch auf weitere
Textstücke. (Ulla Meinecke? Ina Müller? Anne Haigis?) So manifestiert sich
dieser Fetzen in meinem Kopf und hallt als Echo wider. Jeder hasst sie, diese
verpassten Chancen, diese quälenden Fragen nach dem „hätte“, „wäre“ oder
„wenn“. Habe ich eine 2. Chance? Oder ist verpasst verpasst?
Diese Fragen
quälen mich und als ich dies Holger erzählte, beruhigte er mich auf die
typische Holger- Art: Dann gehst du eben später los und kommst später wieder
und irgendwann fängst du dann an zu arbeiten. Uns geht es gut, wir sind
glücklich und noch sind wir ja nicht pleite. Was für eine Aussage. Was für ein Glück habe ich mit diesem großzügigen und
toleranten Mann, der meinen Pilgervirus nicht teilt, aber voll unterstützt. Das ist doch der blanke Wahnsinn! Nun bin ich
ruhiger, die Ungeduld bleibt, aber ich kann mir die Zahlen und die Situation in
zwei Wochen in Ruhe anschauen und dann
entscheiden, was geht.